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Ferien an der Ostsee: Ein Campingurlaub auf Rügen

Die Victoria-Sicht im Nationalpark Jasmund

Die erste Juniwoche haben wir auf der wunderschönen Ostseeinsel Rügen verbracht – auf dem Campingplatz. Eigentlich sollte es nur über’s Wochenende zum Her Damit Festival auf die Insel gehen, doch dann dachten wir uns: Wenn wir schon den weiten Weg fahren, wieso dann nicht länger bleiben? Also bauten wir am Montag unser Zelt auf dem Festivalgelände an der Prora ab, um es an einer anderen Stelle auf Rügen wieder aufzubauen. Und ich muss sagen: Obwohl ich anfangs meine Zweifel bezüglich eines vorsommerlichen Campingurlaubs auf Rügen hatte, bin ich wirklich schwer begeistert. Nicht nur hatten wir fast durchgehend super Wetter; Rügen ist auch einfach ein wunderschönes Fleckchen Erde.

Ein Stück deutsche Geschichte: Der Koloss von Prora

Schon das Festival fand an einem wenn nicht wunderschönen, dann zumindest geschichtlich spannenden Ort statt: Prora. Prora ist ein Ortsteil der Gemeinde Binz im Westen Rügens. Zugleich bezeichnet der Name aber auch den dort ansässigen „Koloss von Prora“, einen 4,5 km langen Gebäudekomplex, der von der nationalsozialistischen Organisation „Kraft durch Freude“ (KDF) erbaut wurde. Der aus acht baugleichen Häuserblöcken bestehende und stark an eine Kaserne erinnernde Komplex sollte 20.000 Arbeitern gleichzeitig den Urlaub an einem der schönsten Strände Rügens ermöglichen. Was nach Würdigung und Dankbarkeit gegenüber den Arbeitern klingt, war jedoch Teil eines kühl kalkulierten Plans: Hitler war davon überzeugt, dass er nur mit einem „gesunden und nervenstarken Volk“ den Krieg gewinnen konnte. Und so wurden genauestens durchgeplante Freizeitaktivitäten sowie Urlaube aller Art (Land- und Seereisen, Skifreizeit) für den einfachen Arbeiter organisiert, der sich solche Reisen ohne die KDF nie hätte leisten können.

Ruine Prora

Her mit dem schönen Leben

Das Bad der 20.000

Das „Bad der 20.000“ sollte nur der erste von insgesamt fünf (!!!) solcher Komplexe werden. Das Gebäude wurde jedoch nie fertiggestellt, da die Bauarbeiten zu Beginn des Krieges eingestellt wurden.
Der Komplex ist das größte hinterbliebene Gebäude der Nazis und die Gemüter scheiden sich daran, ob und wie dieses riesige Mahnmal sinnvoll genutzt werden kann. 2012 eröffnete in einem Teil eine Jugendherberge; einige mutige Investoren machen sich derweil daran, die engen Parzellen zu schicken Eigentumswohnungen mit Meerblick umzubauen. So oder so: Ein Besuch in der Prora lohnt sich allemal. Das Gebäude ist schlichtweg beeindruckend (wenn auch ein wenig bedrückend), der Strand wunderschön und im Prora-Zentrum kann man mehr über die Geschichte erfahren.

Tipp: Mehr über die KDF erfahrt ihr in der Doku Kraft durch Freude – Urlaub im Dritten Reich

Camping auf Rügen – Natur pur zwischen Ostsee und Bodden

Nach dem Festival verschlug es uns zunächst nach Dranske ans andere Ende Rügens. Dort verbrachten wir eine Nacht im Bulli von Freunden, auf einer schmalen Straße zwischen Ostsee und Wieker Bodden. Dranske liegt auf der Halbinsel Wittow, deren Spitze im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft endet. Die Landschaft hier ist wunderschön, und bei einem Spaziergang genossen wir den Blick auf die Dünen und die sanft wiegende Ostsee. Abends machten wir ein kleines Feuer am Strand und grillten, bis ein plötzlicher Regenschauer uns in den Bulli jagte.

Windsurfen am Wieker Bodden

Kieselstrand

Dienstag suchten wir eine neue Bleibe und fanden auf dem Campingplatz „Am Wasser“ in Juliusruh den perfekten Platz  für unser Zelt. Eingekesselt zwischen Ostsee und Bodden ist der 20.000 qm große Campingplatz der perfekte Ausgangspunkt für Spaziergänge am Strand sowie Ausflüge zum Kap Arkona und zu den Kreidefelsen. Aufgrund der Größe fanden wir außerdem einen Platz, an dem wir fast ganz für uns waren.

Nicht ganz für uns allerdings, denn die wilden Tiere Rügens fühlten sich magisch angezogen von unserem kleinen Lager. So besuchte uns am zweiten Abend ein Fuchs, der in aller Seelenruhe versuchte, unseren Müllsack zu klauen, während wir nur wenige Meter entfernt von ihm Karten spielten. Selbst als wir ihn mit zwei Taschenlampen bestrahlten, fühlte er sich nicht gestört weiter an dem Sack zu zerren, den ich vorsorglich an einem Baum festgebunden hatte. Erst als ich aufstand und schnalzend  ein paar Schritte auf ihn zumachte, trottete er widerwillig davon. Ein bisschen tat’s mir ja leid, ich mag Füchse ziemlich gern. Offenbar hatten wir unser Camp in seinem Revier aufgeschlagen, das über den Winter vermutlich recht menschenleer gewesen war.

Der Islandpferdehof Wittower Heide

Neben unserem äußerst erholsamen Campingurlaub habe ich mir auf Rügen einen langgehegten Jugendtraum erfüllt: Einen Ausritt auf einem Isländer. Die kleinen robusten Islandpferde sind mit ihren besonderen Farben und dem dicken Schopf nicht nur die hübschesten Pferdchen überhaupt, sie besitzen außerdem fünf Gänge. Während „herkömmliche“ Pferde nur Schritt, Trab und Galopp beherrschen, verfügen Isländer zusätzlich über die Gangarten Tölt und Pass. Tölt kommt dabei dem Trab relativ nah und Pass von der Geschwindigkeit dem Galopp; jedoch sind Tölt und Pass viel bequemer zu sitzen und vor allem für längere Ausritte und Wanderritte perfekt.

Islandpferde

Shirani mit einem Islandpferd

Im Tölt durch die Landschaft

Auf dem Islandpferdehof Wittower Heide buchte ich einen Ausritt, und nachdem wir unsere Pferde fertig geputzt und gesattelt hatten, ging’s auch schon los. Im Entenmarsch folgten wir der Praktikantin Rike, die vorausritt, erst durch’s Dorf, vorbei an malerischen Reethäusern, und dann hinein in den verzauberten Wald. Das Highlight des etwa zweistündigen Ausritts war unser kleiner Abstecher in den Bodden. Rike, hatte uns schon vorgewarnt, dass eines der Pferdchen, zum Glück nicht meines, sich mit Vorliebe mitsamt Sattel und Reiter ins Wasser legt. Und das tat es dann auch, sehr zum Vergnügen unsererseits.

Tölt und Pass sind übrigens wirklich so bequem wie alle sagen. Und für mich als altes Pferdemädchen war es einfach super schön, endlich mal wieder im Sattel zu sitzen. Nachdem ich jetzt „Isländerluft“ geschnuppert habe, kann ich es kaum erwarten, mal nach Island zu fliegen und die kleinen Pferde in ihrer rauhen Heimat zu bewundern.

Für meinen zweistündigen Ausritt habe ich 39,50 € plus 1 € für den Reithelm gezahlt. Außerdem könnt ihr Reit- und Töltstunden buchen. Ihr könnt ohne Voranmeldung zu den Zeiten vorbeikommen. Mehr erfahrt ihr unter islandpferdehof-wittower-heide.de.

 Kap Arkona – Drei Türme und eine slawische Burg

Das Kap Arkona ist eine 43 m hohe Steilküste im Norden Rügens und neben den Kreidefelsen wohl eines der beliebtesten Ausflugsziele. Mit dem Auto fährt man bis nach Putgarten, stellt das Auto auf dem großen Parkplatz ab und legt die anderthalb Kilometer bis zur Küste entweder mit der (kostenpflichtigen) Bahn oder zu Fuß zurück. Wir entschieden uns für den Fußweg und folgten der Beschilderung erst durch das Bilderbuch-Dorf Putgarten, das nur für die Touristen gemacht zu sein scheint.

Anschließend führte uns ein Feldweg durch sanft geschwungene Felder und grüne Wiesen bis zu den Leuchttürmen am Kap. Ganz genau, am Kap erwarten den Besucher gleich zwei Leuchttürme, außerdem noch ein Peilturm sowie eine slawische Burg, deren Zugang jedoch wegen Abbruchgefahr verschlossen war. Dafür gibt es kurz hinter der Burg eine steile Treppe, die in zahllosen Stufen hinunter zum Kieselstrand führt. Den Rest des Spaziergangs bis zum Fischerdorf Vitt legten wir also am Strand zurück. Auf diese Weise konnten wir die eindrucksvolle Steilküste von unten betrachten und ein wenig Ostseeluft schnuppern. Vom Fischerdorf Vitt ging es schließlich über die Straße zurück nach Putgarten.

Heide am Kap Arkona

Leuchtturm_Kap_Arkona

Shirani am Kap Arkona

Übrigens: Der Parkplatz ist kostenpflichtig, allerdings nur bis 18 Uhr. Danach ist die Schranke offen. Ab 18 Uhr sind zwar auch die kleinen Läden im Dorf und am Kap sowie der Zutritt zum Leuchtturm geschlossen, aber wenn man es geschickt anstellt kann man alles haben.

Der Nationalpark Jasmund und die Kreidefelsen

„Rügen? Dann wart ihr doch sicher auch bei den Kreidefelsen!“, ist die wohl häufigste Reaktion auf unseren Urlaub auf Rügen. Hat man die Kreidefelsen im Nationalpark Jasmund nicht gesehen, hat man Rügen nicht gesehen, und das wollten wir natürlich tunlichst vermeiden! Am letzten Tag ging es also nach Hagen, wo wir unser Auto abstellten, um mit dem Shuttlebus weiter zum Königsstuhl zu fahren. Man kann die 3 km- Strecke auch zu Fuß zurücklegen , da es aber schon etwas später war, entschieden wir uns für den Bus (fährt ca. alle 15 Minuten).

Königsstuhl und Victoria-Sicht

Der 118 m hohe Königsstuhl ist der berühmteste Kreidefelsenvorsprung des Nationalparks Jasmund. Vom ausgebauten Plateau aus hat man einen schönen Blick über die Ostsee sowie die Victoria-Sicht, den benachbarten Kreidefelsenvorsprung, den der ehemalige Preußen- König Wilhelm I. nach seiner Schwiegertochter benannt hat. Zum Nationalpark Jasmund gehört eine Ausstellung, die im Eintrittspreis von 8,50 € mit inbegriffen ist. Die interaktive Ausstellung ist recht zeitintensiv, ich würde schätzen um die 2 Stunden braucht man mindestens.

Uralte Buchenwälder

Uns hat überrascht, dass es in der Ausstellung gar nicht so sehr um die Kreidefelsen geht, sondern vielmehr um den die Küste beherrschenden Buchenwald. Dieser ist einer der letzten reinen Buchenwälder Europas und wurde zusammen mit einigen anderen Buchenwäldern zum Weltnaturerbe erklärt. Der Film, den man sich zu Beginn der Ausstellung anschauen kann, behandelt beispielsweise ausschließlich diese Buchenwälder.
Der Zugang zum Strand war leider, ähnlich wie schon am Kap Arkona wegen Abbruchgefahr gesperrt. Das war schade, denn vom Strand aus hätte man eine noch tollere Sicht gehabt.

Die Victoria-Sicht im Nationalpark Jasmund

Buchenwald im Nationalpark Jasmund

Kleiner Tipp: Auf der Victoria-Sicht befindet sich übrigens auch eine kleine Aussichtsplattform, von der aus man den Königsstuhl sehen kann. Der Zutritt zur Victoria-Sicht ist im Gegensatz zum Königsstuhl (8,50 €) kostenlos und außerdem läuft man hier durch den wunderschönen Buchenwald. Ab 19 Uhr (im Sommer, 17 Uhr im Winter) – wenn die Kasse geschlossen ist – ist auch der Zugang zum Königsstuhl kostenlos, dafür ist aber auch die Ausstellung geschlossen.

Wilde Tiere und ein Happy End

Am Tag, als wir die Kreidefelsen besuchten, entdecken wir ein merkwürdiges Wesen, das sich unter unserem Auto versteckte: Ein kleines, graues aufgeplustertes Ding, das sich bedrohlich von links nach rechts wiegte und klappernde Geräusche machte, sobald wir uns näherten. Bei näherem Betrachten entpuppte sich das Ganze als eine junge Eule, die jedes Register zog, um größer und bedrohlicher zu wirken.

Vorsicht, Ästlinge!

Erst dachte ich, sie wäre aus dem Nest gefallen oder gar verletzt und wir müssten sie zur nächsten Vogelauffangstation bringen. Doch nach kurzem Googlen fand ich heraus, dass es wohl gar nicht so ungewöhnlich ist, junge Eulen auf dem Boden zu finden. So verlassen sie anscheinend gerne mal das Nest, oft noch bevor sie richtig fliegen können, um fortan als sogenannte „Ästlinge“ Äste und Sträucher zu bewohnen. Ich las, man solle sie in Ruhe lassen oder in Notsituationen auf einen dicken Ast setzen. Also ließen wir sie erstmal in Ruhe und gingen unseren eigenen Geschäften nach.

Sie watschelte dann auch irgendwann davon, blieb jedoch immer in Sichtweite. Dann kletterte sie auf einen Erdhügel und versuchte von dort aus, auf den herunterhängenden Ast eines Nadelbaums zu springen. Mit den Krallen im Ast und dem Kopf über dem Boden baumelnd versuchte sie sich hochzuhieven, fiel aber jedes Mal herunter, bis sie es nach dem dritten Versuch schließlich aufgab und sich im hohen Gras ausruhte. Jungeule auf Rügen

Als wir abends in der Dämmerung zum Campingplatz zurückkehrten, schaute ich als erstes nach der kleinen Eule. Und tatsächlich entdeckte ich sie nicht weit von der Stelle, an der ich sie fünf Stunden zuvor das letzte Mal gesehen hatte. Da es bald dunkel werden würde, entschloss ich, sie zu fangen und auf einen Ast zu setzen; denn dem Fuchs wollte ich sie ganz sicher nicht überlassen. Zu dem Zeitpunkt war ich auch schon hoffnungslos verliebt in das kleine Tier. Also zog ich meine Reithandschuhe an –  Eulen haben ganz schön scharfe Krallen –  und während Julius sich vor sie stellte, um sie abzulenken, schlich ich mich von hinten an sie heran. Ehrlich, diese Eule hatte ganz schön schlechte Ohren.

Mit Krallen und Schnabel

Wie ich im Internet gelesen hatte, griff ich sie von hinten und oben, umschloss die Flügel mit beiden Händen und hob das kleine Wesen auf. Das fand sie natürlich gar nicht gut, und als sie ihren Kopf um beinahe 180 Grad drehte und mich aus ihren leuchtend gelben Augen entrüstet anzustarrte, hatte ich kurz Angst um meine Finger. Doch sie dachte gar nicht daran, nach mir zu picken, sondern strampelte nur mit Flügeln und Füßen.

Behutsam setzte ich sie auf einen hohen Ast, doch sie strampelte so fest, dass sie gleich auf der anderen Seite wieder herunterfiel. Der zweite Versuch verlief ähnlich. Dann fiel mir ein, dass sie ursprünglich ja auf einen ganz anderen Ast gewollt hatte. Also hob ich sie zum dritten Mal auf und trug sie zu dem Ast neben dem Erdhügel. Dort setzte ich sie mit den Füßen voran auf die Nadeln des Astes, und schwupps fand sie Halt mit ihren starken Krallen. Und innerhalb kurzer Zeit kletterte sie schon ein beachtliches Stück den Ast hinauf, unter Zuhilfenahme von Krallen, Schnabel und ihrem noch etwas unbeholfenen Flügelschlag.

Als ich einige Zeit später nochmal nach ihr schaute, konnte ich sie in der Dämmerung schon gar nicht mehr in den Ästen ausmachen. Mein kleiner Eulenfreund war also in Sicherheit und ich konnte beruhigt sein.

Anfassen erlaubt

Übrigens habe ich auch gelesen, dass Vögel sich im Vergleich zu allen anderen Tieren anscheinend nicht, wie früher immer angenommen, am Menschengeruch stören. Das bedeutet, dass die jungen Vögel, auch wenn ihr sie angefasst habt, weiterhin von ihren Eltern versorgt werden. Trotzdem sollte das natürlich immer nur die letzte Maßnahme sein, denn für so ein kleines Wesen bedeutet das auch ganz schön viel Stress. Ich bin jedenfalls froh, dass wir die kleine Eule, zumindest für den Tag vor dem hungrigen Fuchs gerettet haben.

Wald an der Ostsee auf Rügen

Mohnfeld

Ein Reiter am Strand auf Rügen

 Wie man sieht, ist Rügen vor allem eins: Natur pur! Mir hat’s dort total gut gefallen und ich freue mich schon auf’s nächste Mal.

Gut zu wissen:
Für Camping auf Rügen kann ich euch die Vor- und Nebensaison ans Herz legen. Da wir schon Ende Mai auf Rügen angekommen sind, haben wir noch von den Vorsaison-Preisen und im Juni dann von den Nebensaison-Preisen profitiert. Ab Juli beginnt dann die Hauptsaison, und dann wird alles etwas teurer, und vermutlich auch um einiges voller. Während wir noch fast alleine auf dem Campingplatz waren, erwecken die Ausstattung der Anlage (Biergarten, Supermarkt, Imbissbude) sowie generell die Anzahl der Supermärkte auf der ganzen Insel den Eindruck, dass es hier im Sommer seeeeeehr voll werden kann. Von den Temperaturen her war es zwar nachts noch etwas frisch, tagsüber aber in der Sonne richtig heiß.