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Das freundlichste Land Arabiens: Ein 20 Stunden- Stopover im Oman

Boot am Strand im Oman

Was, schon wieder Sri Lanka? Ganz genau. Irgendwie hat es mich nach kaum sechs Monaten schon wieder auf die kleine Tropeninsel geführt – ein Grund dafür war der wahnsinnig günstige Flug, bei dem ich einfach zuschlagen musste. Einzige Bedingung: Ein Flug am Silvesterabend und 20 Stunden Aufenthalt in Oman.

Und so stiegen wir an Silvester gegen halb zehn Uhr abends in den Flieger und erlebten den Rutsch ins neue Jahr zum ersten Mal in der Luft. Um es gleich vorweg zu nehmen: So spektakulär war es dann irgendwie gar nicht. Mag sein, dass die Passagiere in der Business oder First Class ein wenig ausgelassener gefeiert haben; bei uns beschränkte sich das Ganze auf eine Durchsage vom Piloten, der uns irgendwo über Transsilvanien ein frohes neues Jahr wünschte und uns auf das Feuerwerk viele Meilen unter uns hinwies. Und tatsächlich, von hier oben aus konnten wir die Böller und Raketen erkennen, die das nächtliche Schwarz der Erde  eine Weile lang wie tausend Diamanten funkeln und glitzern ließen.

Oman – Das Trendziel des Jahres

Ich hatte mich vorher noch nie wirklich mit dem Oman beschäftigt. Das einzige, was ich wusste, war, dass das Land 2012 vom Lonely Planet zum „Trendziel des Jahres“ auserkoren wurde – was in der Regel ja nichts weiter zu bedeuten hat, als dass in diesem Teil des vermeintlich so einsamen Planeten in Zukunft deutlich mehr Touristen anzutreffen sein werden. Meine weitere Recherche ergab, dass der Oman ein sehr friedliches Land zu sein scheint – angeblich das sicherste und friedlichste Land Arabiens. Durch die Bildersuche im Internet wurde meine Vorfreude kurz gedämpft, denn auf den Bildern war hauptsächlich beiges und trockenes Land zu sehen. Im Endeffekt wusste ich aber überhaupt nichts über den Oman und ließ mich überraschen, was im Endeffekt die beste Entscheidung war.

Um circa 7 Uhr morgens erreichten wir das noch in Dunkelheit gehüllte Muscat. Kaum aus dem Flieger gestiegen, begann schon das heillose Durcheinander, das einem wohl in jedem südlicheren Land begegnet, und das in mir immer das kribbelige Hochgefühl des Reisens weckt: Das laute Chaos und die schon am frühen Morgen feucht-schwüle Luft bildeten den Auftakt meiner vierwöchigen Reise. Vor den beiden Einreise-Schaltern drängelten sich Reisende aus aller Herren Länder in zwei sehr undeutschen Schlangen, und niemand, noch nicht einmal die bekopftuchten Damen auf der anderen Seite des Schalters wusste so richtig, wofür man hier eigentlich anstand. Nach einer gefühlten Ewigkeit schafften wir es, unser Visa on Arrival zu erhalten, und gingen weiter zu dem Schalter, an dem wir unseren Mietwagen abholen sollten. Diese Prozedur zog sich auch nochmal um ein bis zwei Stunden dahin, in denen wir immer wieder vertröstet wurden, bis wir dann gegen halb 10 Uhr Uhr tatsächlich das Flughafengelände verließen und mit unserem Wagen Richtung Matrah brausten.

Matrah ist eines der älteren, am Hafen gelegenen Viertel Muscats. Dort befindet sich der Hafen Mina Qaboos, ein Fisch- und Gemüsemarkt sowie der größte Suq des Landes. Nachdem wir uns vergewissert hatten, dass es im Oman auch um 10 Uhr morgens schon brüllend heiß ist, fuhren weiter durch das penibel saubere und großzügig angelegte Regierungsviertel, Richtung Küste. Unser Ziel war Fins, ein etwa 150 km entfernter Strand, der bei Einheimischen und Touristen gleichermaßen für seine Schönheit beliebt ist. Unterwegs machten wir Halt auf einem einheimischen Markt, auf dem neben gebrauchten Elektrogeräten, Möbeln, Werkzeug und Spielzeug auch Gewänder und Schmuck verkauft und auf dem wir mit neugierigen Blicken bedacht wurden. Am Rand des Marktes kehrten wir in einem indischen Straßenlokal ein, wo wir uns mit Naanbrot, verschiedenen scharfen Saucen und Kichererbsencurry die Bäuche vollschlugen. Der Besitzer des Ladens war völlig außer sich vor Freude über unseren gesunden Appetit und nahm diesen zum Anlass, uns trotz unserer Proteste immer mehr und immer wieder Neues aufzutischen, bis wir ihm mit Worten und Gesten zu verstehen gaben, dass wir wirklich keinen Bissen mehr herunterbekamen. Nach dieser Stärkung ging es weiter Richtung Fins. Dort wollten wir uns ein schattiges Plätzchen suchen, um der sengenden Hitze zu entkommen und endlich ein wenig Schlaf zu finden. Doch wie so oft im Leben und vor allem auf Reisen, kam es ein bisschen anders.

Hatte ich vorher nur wenig einladende Bilder vom Oman gesehen, war ich von der sich vor uns ausbreitenden Landschaft umso mehr beeindruckt: Die karge, wüstenähnliche Landschaft, die einen scharfen Kontrast zum türkisblauen Meer bildete; dazwischen die weißen Häuser, die die gleißende Sonne reflektierten und prachtvolle Moscheen, aus denen Gebetsrufe hallen.
Als die Route uns weg von der Küste durch das bis zu 3.000 m hohe Gebirge führte, veränderte sich das Bild und hier und dort kam etwas Grün zum Vorschein. Das sandige und steinige Gebirge, dessen spitze schwarze Berge sich wie Pyramiden aus der Erde erhoben, bildeten eine majestätische Silhouette vor dem Licht der Sonne. Hinter jeder Kurve wartete ein neues beeindruckendes Panorama aus zerklüfteten Bergen und Wadis, ausgetrockneten Flusstälern, in denen Reifenspuren oder Staubwolken von einem eben noch hindurchgebrausten Auto zeugten. Und auf der Straße überall bärtige Männer in traditionellen, langen Gewändern, mit Turban oder Gebetskappe.

Als wir nach anderthalb Stunden Fahrt besagten Strand endlich erreichten, machte sich erst einmal Enttäuschung breit: Von einem schattigen Plätzchen war weit und breit keine Spur, und angesichts der ganzen omanischen Männer, die den Strand bevölkerten, war uns Mädels auch nicht gerade nach einem Bad zumute. Tatsächlich waren hier kaum Touristen anzutreffen, während die einheimischen Männer überall beduinenartige Lager am Strand aufgebaut hatten, um mit ihren Freunden bei Musik und Trank das neue Jahr zu zelebrieren – ohne Frauen und Kinder, versteht sich. Wir suchten uns ein Plätzchen ganz vorne im Sand, etwas entfernt von den Zeltlagern, und beobachteten eine Gruppe junger Männer, die mit einem Quad versuchte, im Sand irgendwelche Kunststücke aufzuführen und uns dabei mehrmals fast überfuhr.

Da an Schlaf nicht zu denken war, machten wir Mädels eine Runde Yoga, was uns zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Männer um uns herum machte. Wenn sie sich nicht schon vorher für uns interessiert hatten, waren spätestens jetzt alle Augen auf uns gerichtet. Zwei Einheimische setzten sich sogar neben uns und ahmten ein paar der Übungen nach, während sie sich dabei kaputtlachten. Als wir fertig waren, dauerte es nicht lange, bis die Gruppe, die uns am nächsten war, uns einlud, etwas mit ihnen zu trinken. Erst wollte ich ablehnen, doch irgendwie verwickelte uns Ismail, ein dicklicher Omani mit freundlichem Gesicht, in ein Gespräch und schon standen wir mit einem Becher Rum-Cola in der Hand an ihrem Zeltlager.

Was mir im ersten Moment abwegig und seltsam vorkam, entpuppte sich als schönstes Zusammentreffen zweier Kulturen, in denen jeder versuchte, dem anderen ein Stück von seiner Welt näher zu bringen. Mit Englisch, und wenn nötig, mit Händen und Füßen, verständigten wir uns, tranken Bier und Rum, aßen Reis mit Hühnchen und tanzten und lachten zu Musik aus großen Autolautsprechern, die sie extra für uns voll aufdrehten.

Eine Frage, die sich die Männer natürlich nicht verkneifen können, war die nach meiner Herkunft. Normalerweise ist das eine etwas lästige Frage, doch da ich in den Augen dieser Männer nichts als aufrichtige Neugier las, beantwortete ich sie gerne. Als ich Sri Lanka und Ägypten sagte, war die Freude groß. „Same blood, same blood!“ Doch jetzt wollten sie es genau wissen.

„Where in Egypt?“

„Cairo“.

„Mother or father egypt?“

„Father“.

Dass ich ihnen weder den genauen Stadtteil in Kairo noch den vollen Namen meines ägyptischen Vaters nennen konnte, löste allgemeines Erstaunen aus. Wie das sein konnte? „Weil ich ihn nie getroffen habe.“ Bei den betroffenen Gesichtern, die mich nun von allen Seiten anblickten, konnte ich es mir nicht verkneifen, ein ironisches „That’s the sad story of my life.“ hinzuzufügen. Doch damit hatte ich anscheinend einen Nerv getroffen, denn anstatt zu lachen, entschuldigte sich Ismail sofort mehrmals bei mir. „Sorry! I didn’t know that. Sorry, ya?“ Obwohl ich ihn zu überzeugen versuchte, dass alles ok sei und es mir gut ginge, dass ich in Deutschland von den besten Eltern der Welt großgezogen wurde, unterbrach er mich immer wieder und sagte entschieden: „No, let’s stop it. Let’s stop. Next topic!“ Anstatt mich ausreden zu lassen, kam er zu mir rüber, nahm mein Gesicht in beide Hände und küsste mich auf den Kopf. Eine liebevolle Geste, die mich tröstete, obwohl ich gar nicht getröstet werden musste. Wir wechselten das Thema, und widmeten uns lustigeren Dingen.

Ein älterer Omani, der mit seinem Hut, dem grauen Bart und dem geschmeidigen Hüftschwung auch locker als Mitglied des Buena Vista Social Clubs hätte durchgehen könnte, packte irgendwann eine Oud, eine arabische Laute aus, und unter dem funkelnden Sternenhimmel lauschten wir den Klängen aus 1001 Nacht.
Während bei der Kölner Polizei immer mehr Anzeigen eingingen, und die Hetze gegen Flüchtlinge und Muslime in meiner Heimatstadt einen neuen Gipfel erreichte, feierten wir mit einer Gruppe Omanis in Gewändern, Turban und Gebetsmützen, deren Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit uns zutiefst berührte. Als der Abend sich dem Ende entgegen neigte und es für uns Zeit war, aufzubrechen, um den Flieger nach Sri Lanka zu erwischen, waren wir fast den Tränen nahe. Es wurde gedrückt und Hände gehalten, geküsst und umarmt. „Don‘t forget this night, promise!“, bat Ismail. Und wir versprachen es.

Gasse im Oman

Menschen am Strand im Oman

Fenster im Oman

Boote am Strand von Oman

Möwen im Oman

Katze am Strand im Oman

Das friedlichste Land Arabiens?

Das Sultanat Oman hat den Ruf, ein besonders gastfreundliches und herzliches Land zu sein. Zudem ist es ein friedliches und sicheres Reiseland. Am Strand in Fins haben wir ein junges, französisches Paar kennengelernt, das uns erzählte, bereits seit über zwei Wochen mit seinem Baby wild im Land zu campen. Überall waren sie gastfreundlichen und hilfsbereiten Menschen begegnet, und kaum ein Tag sei vergangen, an dem ihnen nicht Fisch, Fleisch, Alkohol oder eine warme Mahlzeit geschenkt worden wäre. Sie versicherten uns, dass sie sich zu keiner Zeit bedroht gefühlt hätten.

Ich habe den Oman auch als sehr freundliches und angenehmes Reiseziel empfunden. Aber nach nicht einmal 24 Stunden ist es natürlich unmöglich, sich ein Bild von einem ganzen Land zu machen. Aktuelle Informationen über den Oman findest du beim Auswärtigen Amt.

What to do?

Hier findest du ein paar Ideen, was man an einem Tag in Muscat oder dem Oman alles besichtigen kann:

6 Kommentare

  1. Pingback: puretreks* - Trekking ins Leere Viertel - Wüstenwandern im Oman

  2. Pingback: Das Reisejahr 2016: Ein Blick zurück ~ Kleiner Elefant | Reiseblog

  3. Hi Shirani, bin gerade über Twitter auf deinem Blog und dann auch gleich noch auf der Oman Geschichte gelandet. Wie schön! Ich war letztes Jahr für 10 Tage über Weihnachten und Neujahr dort und bin noch immer ganz verliebt in dieses wunderbare Land. Komm gern mal bei mir vorbei und schau dir an, was ich erlebt habe. Liebe Grüße Lu

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    • Hallo Lu, Oman hat uns wirklich total gut gefallen. Ich fand es einfach unglaublich, wie freundlich und herzlich die Menschen alle waren. Schön, dass du das auch so erlebt hast. Ein völlig unterschätztes Reiseland! Liebe Grüße 🙂

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  4. Klingt wunderbar! Vielleicht sollte ich meinen Rückflug umbuchen, zum stopovern … Und: Tolle Fotos! <3

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