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Oh Essaouira! Die Stadt, in der die Sehnsucht wohnt

Essaouira

Diesig und mystisch sind die Straßen von Essaouira. Ein Vorhang aus Nebel drängt durch das Labyrinth der schmalen Gassen. Tagsüber taucht er die leuchtenden Farben der Medina in sanftes Pastell, und abends schimmert er dumpf im Schein der gelben Straßenlaternen. Stundenlang könnte ich hier umherwandern, mich verlieren in den verwinkelten Straßen und dabei zusehen, wie der Atlantik die Farbe von Wänden und Türen nagt. Hallo, Essaouira.

Essaouira, die geheimnisvolle Stadt am Meer

Wem auch immer ich von meiner Reise nach Marokko erzählte, die Reaktion war immer dieselbe: „Ihr müsst unbedingt nach Essaouira!“ Eigentlich ist gar keine Zeit für Ausflüge in irgendwelche marokkanischen Küstenstädtchen. Denn eigentlich hat die Reise nach Nordafrika einen ganz bestimmten Grund: Das Yoga und Surf Retreat meiner lieben Freundin Jule. Doch bevor es von Marrakesch nach Tamraght geht, haben wir noch knapp anderthalb Tage Zeit. Anderthalb Tage, an denen wir uns noch etwas vom Land ansehen können, bevor unsere Zeit mit Yoga und Surfen verplant sein wird.

Essaouira liegt drei Busstunden, oder besser gesagt etwa 175 km westlich von Marrakesch entfernt, an der marokkanischen Atlantikküste. Von dort sind es noch einmal etwa drei Busstunden nach Tamraght, den kleinen Ort, in dem wir unser Yoga Retreat verbringen werden. Wir könnten es uns einfach machen und eine Nacht in Marrakesch bleiben, um am nächsten Tag weiter nach Tamraght zu fahren. Das würde uns eine Menge Stress und viele Stunden im Bus ersparen. Doch die geheimnisvolle Stadt am Hafen und die leuchtenden Augen derer, die uns davon erzählen, gehen mir nicht mehr aus dem Sinn.

Essaouira

Essaouira is calling

Als mich einige Wochen vor der Abreise die Nachricht einer Freundin erreicht, die zur selben Zeit in Essaouira in einem Surfhostel arbeitet, ist mein Interesse endgültig geweckt. Jessie habe ich während meiner Yogalehrer Ausbildung in Indien kennengelernt und dementsprechend lange nicht gesehen. Wir beschließen, den kleinen Umweg auf uns zu nehmen und anderthalb Tage in Essaouira zu verbringen.

Vom Flughafen fahren wir mit einem vermutlich völlig überteuerten Taxi zur rund 5 Kilometer entfernten Supratours Station, von der uns ein Bus in die Hafenstadt bringen wird. Als der Bus abfährt, geht gerade die Sonne unter und taucht die Straßen Marrakeschs in goldgelbes Licht. Beinahe so, als ob die heimliche Hauptstadt Marokkos uns ein wenig traurig stimmen will, dass wir sie einfach so links liegen lassen.

Von Marrakesch nach Essaouira

Obwohl wir nun bereits seit zwölf Stunden unterwegs sind, ist an Schlaf nicht zu denken. Viel zu aufregend ist die Reise in einem fremden Land, zu verheißungsvoll die neuen Erlebnisse und die Aussicht aus dem Fenster, hinter dem das trockene Land allmählich in Dunkelheit versinkt. Doch schließlich müssen wir doch eingeschlafen sein, denn auf einmal hält der Busfahrer für eine kurze Snack- und Zigarettenpause an. Als die Türen sich öffnen, strömt schwüle Luft in den Bus – die Klimaanlage hat uns schon völlig ausgekühlt. Wir sind viel zu gerädert, um den Bus zu verlassen und bleiben sitzen, bis es endlich weitergeht. Nun dauert es nicht mehr lang, bis wir unser Ziel erreichen: Essaouira.

 

Essaouira bei Nacht

Vor dem Bus quatscht uns sogleich ein Taxifahrer an. Es ist dunkel, es ist spät und wir wollen endlich ankommen, also willigen wir ein und hieven unsere Rucksäcke in seinen Kofferraum. Doch die Adresse des Hostels ist ihm nicht bekannt. Erst als wir ihm den Namen des Aanbra Seaview Hostels nennen, scheint sich bei ihm etwas zu regen. ‚Hôtel? Oui oui, je connais!‘ Uns schwant, dass er keine Ahnung hat. Mir fällt ein, dass das Hostel am Ende der Medina liegen soll – was auch immer das auch heißen mag. Daraufhin murmelt der Fahrer nur ‚Medina oui, oui‘ und braust in die Nacht.

Natürlich hat er keine Ahnung. Irgendwo am Anfang der Medina, der Altstadt, lässt er uns raus und deutet in eine Himmelsrichtung. Die Straße, die er uns genannt hat, gibt es nicht, und wir müssen unterwegs noch mehrmals nach dem Weg fragen. Schließlich sprechen wir zwei junge Männer in einem kleinen Gewürzladen an. Die beiden suchen uns mit ihrem Handy den Weg heraus. Eine geschlagene Stunde oder länger irren wir planlos durch die Medina, bis wir endlich im Hostel ankommen.

Essaouira bei Nacht

Ankunft im Dunkeln

Jessie erwartet uns bereits. Das Hostel ist eine ziemlich verranzte Backpacker-Absteige, aber durchaus charmant. Es handelt sich um einen umgebauten Riad, ein traditionelles marokkanisches Haus, in dessen Mitte sich ein Hof mit einem kleinen Brunnen befindet. Das Haus ist vier Stockwerke hoch, die sich vom Hof bis hoch aufs Dach schlängeln. Von der Dachterrasse schallt laute Musik in den Hof.

Wir bringen unser Gepäck ins Zimmer im ersten Stock, das wir uns mit zwei Chilenen teilen. Im Bad tropft der Wasserhahn; Dusche und Toilettenspülung funktionieren gar nicht. Als wir fertig sind, zeigt Jessie uns, wo wir um elf Uhr abends noch etwas zu essen bekommen. Eine halbe Stunde später sitzen wir mit einem Falafel Kebab in der Hand auf der Hafenmauer und blicken auf das in Dunkelheit getauchte Meer. Über uns kreischen die Möwen und lassen sich vom Wind tragen. Die Schiffe am Hafen ragen geisterhaft aus dem Nebel auf. Es hat immer etwas geheimnisvolles, im Dunkeln an einem fremden Ort anzukommen. Man hat keine Ahnung, wie es bei Tageslicht aussieht, und die kleinen Gassen wirken umso mystischer.

Essaouira und die Medina

Am nächsten Morgen zeigt Jessie uns die Medina von Essaouira. Medina ist das arabische Wort für Stadt, bezeichnet aber auch die Altstadt nordafrikanischer Städte. An einem bezaubernden kleinen Platz, den wir ohne Jessie nie gefunden hätten, füllen wir unsere leeren Mägen mit einem ‚petit déjeuner marocain‚ und schlendern anschließend hinter Jessie durch die verwinkelten Gassen. Wir sind ganz berauscht von all den Farben, Gerüchen und Fotomotiven um uns herum. Endlich sehen wir Essaouira bei Tag! Ja, die Stadt ist recht touristisch und alles ist hier auf Konsum ausgerichtet. Doch gegen all die Schönheit kann man sich einfach nicht wehren. Auf den Souks von Essaouira gibt es alles, was Marokko zu bieten hat: Die schönsten Teppiche, die ich je gesehen habe; Tücher und Stoffe, Gewürze und Lederwaren, handbemalte Fliesen und Keramik, Wollmützen, Schmuck,  undundund…

Medina von Essaouira

Teppichmuster in Essaouira

Keramik in Essaouira

Gewürze in der Medina von Essaouira

Der Hafen und der Fischmarkt

Die Altstadt von Essaouira ist ringsum von Mauern umgeben. Außerhalb dieser Mauern befinden sich der Hafen sowie der Fischmarkt. Beim Anblick der in der sengenden Hitze auf dem Boden liegenden Ware kann einem schon einmal der Appetit vergehen. Zudem ist es recht schmutzig und in der Luft hängt der beißende Geruch von altem Fisch. Dennoch ist der Hafen allemal einen Besuch wert – allein schon wegen all der tollen Fotomotive. Aber auch, weil man hier einen schönen Einblick in das tägliche Leben der Fischer von Essaouira bekommt. Hier ist immer etwas los: Boote werden repariert, Fisch und allerlei Meeresgetier wird an den Mann gebracht und über alledem kreischen die Möwen in der Hoffnung auf einen unachtsamen Fischer.

Ein Seeigel auf dem Fischmarkt in Essaouira

Eine Möwe auf dem Fischmarkt in Essaouira

Hafen von Essaouira

Die Scala de Kasbah: Essaouiras Festung

Direkt neben dem Hafen befindet sich die Scala de Kasbah, eine alte Festung aus der portugiesischen Kolonialzeit. Diese kann man sich für einen kleinen Obulus anschauen und über die Mauern der Festung wandern. Der Besuch ist nicht spektakulär, doch von hier aus hat man einen schönen Blick über den Hafen, das Meer und die Stadt. Zudem kann man sich eine ganze Reihe von Kanonen aus vergangenen Zeiten anschauen.

Blick auf Essaouira

Scala de Kasbah Essaouira

Scala de Kasbah Essaouira

Die Sehnsucht wohnt in Essaouira

Im Grunde schlendern wir den ganzen Tag lang planlos durch Essaouira, schauen uns den Hafen und die Festung an und schießen Unmengen an Fotos. Und genau das ist es, was ich auch euch empfehlen würde: Macht euch keinen Plan, sondern erkundet die vielen verwinkelten Gässchen, findet heraus wohin sie führen und lasst euch treiben. Es ist super, dass Jessie uns Ecken zeigt, die wir ohne sie vermutlich nie finden würden. Doch am schönsten ist es, als sie uns schließlich uns selbst überlässt und wir uns dem planlosen Treiben hingeben und die Stadt so erleben können, wie man es nur einmal kann: Mit den wachsamen Augen und dem weit geöffneten Herzen von jemandem, der alles zum ersten Mal sieht. Mich jedenfalls hat Essaouira vollkommen verzaubert mit seinen leuchtenden Farben und betörenden Düften, den verwitterten Holztüren mit ihrer abblätternden Farbe und dem alles durchdringenden Geruch des Atlantiks.

Essaouira Medina

Kaktus in Essaouira

Medina in Essaouira

Dächer über Essaouira

Gut zu wissen:

  • Essaouira hat keinen Flughafen. Ihr erreicht Essaouira mit dem Bus von Marrakesch oder Agadir. Die Busfahrzeiten von Marrakesch nach Essaouira findet ihr hier. Die Fahrt kostet 80 DH und dauert circa drei Stunden.

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